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Der Autor und Lyriker Christian Englert
Der Autor und Lyriker Christian Englert
Der Autor und Lyriker Christian Englert
Der Schreitende - eine Fantasie aus dem Engadin

Der Schreitende, eine Fantasie aus dem Engadin

(erweiterte Fassung 1.1.2007)

 

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Eines Abends in Sils im Engadin, nach Schliessung der Ausstellung von Skulpturen in der Aula, geschah es: "Der Schreitende", das ausgestellte Exemplar der berühmten Plastik von Alberto Giacometti hob den Kopf, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, und sah, dass draussen das Abendlicht zwischen Arven und Lärchen hereinbrach. Einer plötzlichen Eingebung folgend hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Licht gehörte zum Inhalt seiner Träume. Er benutzte die Abwesenheit der Aufseher, stieg vom Sockel herab, schlich, zaghaft sich vergewissernd, dass niemand zuschaute, zur Tür hinaus. Damit überschritt er unmerklich die geheimnisvollen Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit. In ihm erwachte seine surrealistische Vitalität.

der Schreitende
der Schreitende

In der sinkenden Dämmerung jenes Tages begann der Schreitende mit offenen Augen ein Menschenleben in der Mitte des fatalen Bogens zwischen Geburt und Tod. Er lief der Strasse nach und sah plötzlich zwischen herbstfeuchten Feldern Laufspuren, die den Erhebungen und Senkungen dieser Landschaft folgten. Er verliess die Strasse und nahm eine Spur durch vermodernde rotgelbe, mit Lärchennadeln vermischte Grasbüschel auf. Seine Schritte verscheuchten die Krähen, die im Aufflug mit ihrem schwarzen Gefieder das letzte Licht verschlangen. Vielleicht Signale einer unter dem zaghaften Flimmern des Abendsterns eintretenden Unentrinnbarkeit. Er lief, ohne zu wissen, wo ihn seine lang gezogenen Schritte führen werden, bis die Innbrücke seine Aufmerksamkeit lenkte. Das regelmässige Rauschen des Inns begleitete ihn auf dem Weg nach Sils- Baselgia, als wäre es der Atem des Tales. Häuser kamen ihm entgegen. In der Dorfgasse widerhallten seine Schritte. Wassertropfen vom letzten Regen träufelten aus einer leck gewordenen Dachrinne in eine Pfütze. Zwischen diesen Geräuschen und stillen Bildern überraschten ihn unvermittelt die Klänge eines Sai- teninstrumentes. Er folgte ihnen als enthielten sie Hinweise auf ein Geschehnis. Sie geleiteten ihn zum alten Kirchlein. Mit einem Ächzen drehte sich das Eingangstor. Dies störte nicht den kleinen, etwas rundlichen Mann mittleren Alters, der mit geschlossenen Augen, einen schwarzen Béret auf den Kopf, in sich versunken auf einer Laute ein musikalisches Zwiegespräch improvisierte. Er spielte im versickernden Licht dieses Herbstabends, das durch die kleinen Rundbogenfenster drang. Unter dem alten Gewölbe hatte das Instrument den gesanglichen Klang einer menschlichen Stimme. Am Eingang hing ein Konzertprogramm. Der darin genannte Musiker kam von weit her; er hiess Renato; die Silbentrennung re - natus verriet die Geburtsherkunft. Überrascht, kam sich der Schreitende als Eindringling vor. Behutsam wollte er sich wieder hinausschleichen, da unterbrach der Musiker sein Spiel und rief ihm zu: Bitte - ti prego - bleibe doch, wenn es dir gefällt... Der Schreitende setzte sich in die hinterste Bank und gewahrte, wie die zu Musik geformten Farbtöne sich hell und dunkel kontrapunktisch in Licht und Schatten ablösten. Den letzten Akkord liess Renato in den Raum ausschwingen, erhob sich dann bedachtsam, besonnen fast, als wollte er dem Klang horchend folgen. Der Schreitende näherte sich zögernd dem Podium. Er streckte dem Musiker freundschaftlich jedoch mit einem Anflug von Schüchternheit die Hand entgegen. Renato erwiderte den Gruss jovial in einem fremdländisch gefärbten Deutsch:

Ich habe dich erwartet. Meine Laute hat ihren Klang zurückgefunden - und du, aus welchen Zwischenräumen bist du hierher gekommen?

Es entstand ein Gespräch unter Gleichgesinnten, als wären sie sich schon irgendwo begegnet.

Renato: Wie kamst du auf die Spur? Der Schreitende stutzte. Renato war nicht nur Musiker; vielleicht ein dichtender Barde oder ein Druide, gar ein Schamane? Er antwortete verlegen, als wollte er verdeckt etwas Geheimnisvolles erfahren: Im Atelier fiel Licht auf die Skizze einer Sonne, wie auf ein Gesicht. Renato entgegnete: Licht war nur Medium. Jedem Gesicht kann etwas Sonnenhaftes anhaften, wenn es von der Sonne ausgeht und den Weg zu diesem Ursprung ausstrahlt. Nach diesen Worten versorgte Renato sein Instrument, öffnete das knarrende Tor zum gemeinsamen Verlassen der Kirche. Letzte Strahlen der rot untergegangenen Sonne tasteten nach und nach Gipfel, Gerölle und einsame Schneeflächen ab, liessen sie funkeln. Wie Schatten im flimmernden abendlichen Fackellicht liefen die beiden Männer den Inn entlang zum Ufer des mit kleinen kräuselnden Wellen und mit leisem Gemurmel friedlich plätschernden Sees. Zu ihrem Gedankenaustausch brauchten sie sich nicht viel zu sagen; ihre Stimmen verstummten zeitweise, erwachten wieder, fast im Selbstgespräch, wenn ihnen etwas einfiel oder als Antwort auf ein Geräusch aus der Dunkelheit der Bäume: ein Ast, der auf den Boden fiel, ein Vogelgeflatter. Zwischendurch wurde es für lange, leere Minuten still. Die nächtliche Sicht des Schreitenden ging in ein endloses Abseits, das noch keine Horizonte kannte. Zwei Gestalten liefen unter leuchtenden zeitlosen Sternbildern durch Nischen des Nachtlichts hindurch. Im Westen war Venus entschwunden, im Südosten zog Jupiter auf. Eine diffuse Erhellung am Nachthimmel kündigte mit dem Vordämmerungsschein den Tagesanbruch an, jenes langsam aufsteigende, kaum wahrnehmbare blaue Segment, das dort über Sils auftaucht, wo die Sonne später aufgehen wird: Nachtbläue, paradoxerweise oberhalb des Berges mit dem Namen Mezdì. Der Schreitende und Renato erlebten, wie die Morgenröte sich erhob, sich erhebend ausweitete, ausweitend heller wurde, dann aber im neuen Licht des Tages erlosch. Die Sonne hatte das Morgenrot an sich gezogen, das so sein Licht verlor. Sie sassen sinnend auf einem Stein am Seeufer und schauten gebannt in die Entfaltung der Sonne. In der Ferne rauschten erste Morgenlaute und begannen den neuen Tag. Der wie ein Schleier des Nordlichts die Seeufer begleitende feenhafte Frühnebel war allmählich einer mediterranen Helle gewichen. Mit dem Sonnenaufgang wich auch die frische Morgenluft einer milden Wärme. Der Schreitende kniff die Augen zu. Das gleissende Licht über dem See begann ihn zu blenden. So etwas hatte er im Pariser Atelier und in den Basler und Zürcher Ausstellungsräumen noch nie gesehen. Da stiess er den zurückgehaltenen Schrei aus: Was ist das? Renato schwieg. Er lauschte den mit der Morgenfrühe erwachten Klängen als kämen sie aus seiner Laute. Das schneeweisse Leuchten des Fexgletschers in einem glitzernden Tautropfen wie in einem mikroskopischen Spiegel erweckte im Schreitenden den Wunsch, Geschautes durch Farben zu erfassen. Er war der Meinung, dass die Sonne so gross sei, wie sie ihm erscheine, denn er schaute zugleich in sich hinein. Im Gegenlicht schien er staunend das Fehlen von Zwischenräumen wahrgenommen zu haben. War da kein Raum mehr zwischen ihm und der Sonne?

 

Inzwischen hatte sich das Verschwinden der berühmten Skulptur zur Sensation in den Medien ausgeweitet.

Es war bedeutsam genug, um die Polizei in Alarmzustand zu versetzen. In der Tagesschau berichteten Radio und Fernsehen über diesen Kunstdiebstahl. Über zwanzig Millionen Dollar könnte für diese berühmte Skulptur in einer Auktion bei Christie's geboten werden.

Dem Schreitenden war nicht entgangen, dass seine Erscheinung auffiel, wenn ihn unversehens bald von der einen, bald von der anderen Strassenseite ein Blick getroffen hatte. Es schien ihm, dass er zum Ereignis auf zwei langen Beinen geworden war und dass hinter den Fenstervorhängen nach ihm gespäht wurde. Diese Blicke, so meinte er, liefen hinter ihm her und die Vermutung beschlich ihn, dass er nicht die Person sei, die sie zu sehen glaubten. Sein Bewusstsein aus dem Künstler-Atelier in Paris war unverhofft in ein Leben eingetaucht und füllte sich mit Überraschungen, die nur langsam als Wirklichkeiten wahrgenommen wurden.

 

Als der Schreitende sich im Café Schulze umsah, kam lautlos zwischen den Tischen eine Frau auf ihn zu. Erkannte sie ihn? Ihre Gesichtszüge erinnerten ihn an die Sonnenskizze im Atelier seines Meisters. Was ist mit dir los? fragte sie ihn nachdem er ihr scheu zugenickt hatte. Sie fügte langsam hinzu: Du siehst aus wie ... Er unterbrach sie nicht und wartete neugierig auf das Ende des angefangenen Vergleichs... Du siehst, du siehst ... daneben aus..., fuhr sie fort, zögernd, tastend. Doch dann wischte sie sich eine Haarsträhne von der Stirne, schaute ihm ohne zu blinzeln geradeaus in die Augen, überlegte und fuhr fort: Du siehst aus, wie einer, der sich in der heutigen Welt nicht zurechtfindet und sie als Fremder durchschreitet ... oder irgendwie etwas Derartiges... aber du gefällst mir, gibst dich nicht so ..., fügte sie das richtige Wort suchend bei, mit einem leisen Druck an seine Schultern, die ihre Nähe suchten. Der Schreitende schwieg betroffen, fühlte sich wie durchschaut. Die Frage, die er ihren aufmerksamen Augen stellen wollte, geriet noch nicht. Die sich auf der Wasser- fläche spiegelnde Sonne liess diese schlanke Gestalt am Seeufer als Silhouette einer surrealistischen Skulptur erscheinen. Er sagte ihr dies nach längerem Zögern. Das war schon mehr eine Frage nach ihrem Namen und ihrer Herkunft. Sie verstand die Andeutung. Eigentlich heisse ich AELO - BLUE WOMAN*, man nennt mich kurz AELO, antwortete sie im Flüsterton kaum vernehmbar als wäre es ein Geheimnis. Bei den folgenden Begegnungen lernte sie seine Herkunft kennen. Es entstand eine gemeinsame und gegenseitig mitgeteilte Sinneswahrnehmung - schrittweise wie das lautlose Fallen der rotgelben Lärchennadeln wenn der herbstlich - klare Seespiegel die gegenüberliegende Talseite zurückwirft. Die Aussenwelt erschien ihnen als Scheinwelt und ihre künstlerische Sinngebung als unmittelbar erfahrene Wirklichkeit. Nachdem die Sonne breit das Tal durchflutet hatte, trat an einem Abend die seltsame Helle ein, in der die bereits winterlichen Berge ihre Umrisse nur noch schattenhaft zeigen als wollten sie mit dem letzten Lichtschimmer den Himmelsraum freigeben. In diesem Raum begann AELO ihren Tanz, spontan und überraschend für den Schreitenden. Es war ein langsamer Tanz, hingebungsvoll wie das Abendlicht. Das Säuseln des durch die Zweige von Lärchen und Arven atmenden Windes bildete die Begleitmusik. Erst die beginnende Dunkelheit formte das Ende der eindrücklichen Darbietung ihrer geheimnisvollen Weiblichkeit. Der Schreitende nahm als stiller Bewunderer daran teil bis AELO’s Finger ihn wie ein leiser Geigenton berührte und in die vertraute Umgebung ihres nächtlichen Zusammenseins zurückholte.

AELO’s tänzerische Körpersprache war Ausdruck ihrer individuellen Kommunikation. Es gelang ihr mit diesem Mittel, die Reaktionen der Menschen zu beleben und zu durchschauen. Der Schreitende beobachtete, wie leicht sie Kontakte finden konnte, indem sie mit einer begrüssenden Gestik ein Gespräch begann. Kinder hatten ihre Freude daran, weil sie spielend auf diese ungewohnte Begrüssung reagieren durften.

 

Zur Entlarvung der ihm zunehmend als unergründliche Scharade erscheinen- den Welt durchwanderte der Schreitende Wälder und Berghänge. Wiederholt wurde er von Jägern auf dem Weg nach Muott'ota oder in den feucht-dunkel aufgerissenen Schluchten hinter Sils gesehen aber nicht erkannt. Auch das Felssturzgebiet auf der anderen Talseite in Richtung Grevasalvas zog ihn an, weil von diesen Anhöhen aus das Tal nach Süden sich noch weiter zu öffnen schien und das tiefe Himmelsblau über der italienischen Talsohle verblassend sich wegwölbte. Diese Weite faszinierte ihn. Er konnte nicht der Versuchung widerstehen, spät abends und bei klarer Sicht sich auf diese Anhöhen zu begeben, um dort das allmählich erscheinende nächtliche Himmelsgewölbe zu erwarten und zu bestaunen. AELO hatte ihn auf das aufrecht stehende Sternbild des Orion mit dem dreisternigen Gürtel und der charakteristischen Stellung der angewinkelten Beine aufmerksam gemacht. So schreitet der mythische Jäger durch den nächtlichen Sternenhimmel des Engadins, auf der Flucht vor den ihm fremd gesinnten geldgierigen Managern und auf der Suche der lieblichen Merope. Unter allen Geschichten, die sich aus Schluchten, Höhlen oder Felsenwänden drängen, gibt es diese, die schon lange in die Nacht übergegangen ist und sich als unaufhörliches Bild auf dem Firmament festgesetzt hat: Das ewige Suchen nach der Geliebten durch gestirnte Räume.

 

Aus Licht hatte der Schreitende mehr wahrgenommen als er begriff. Doch ein Riss ging durch diese wundervolle Welt. Er musste erfahren, dass Berge und Seen zu Dingen des Handels reduziert wurden. Seilbahnen durchkreuzten Berghänge. Die Nächte wurden von Scheinwerfern so durchflutet, dass das Sternenzelt verblasste. Keine freie Landschaft mehr. Sie hatte ein anderes Gesicht entwickelt, als ihr von ihrem Ursprung her zugedacht war.

Noch zog am Engadiner Nachthimmel das Sternbild des Orion auf. Noch raschelten im Gebüsch der Bergeller Kastanienwälder die Feuersalamander.

 

Die Silser Lokalchronik berichtete mit wenig Worten, dass der Schreitende verschwunden sei - irgendwo. Niemand verstand, warum er wie vom Erdboden verschwunden blieb.

up

* zur Erklärung des Namens AELO blue woman

der Schreitende

schwarz

tanzt kali

schattenhaft

durch mondkalte gassen

 

halb femme fatale

halb todesmaske

den liebestango

 

in magischer vereinigung

bebt

aufgestrecktes sehnen

 

löst sich auf

beim letzten schrei

nach lust

 

ihre finger

öffnen die kelchblätter

zur verschmelzung

 

die innere

künstlerin

formt

 

den kelch

zur bebenden

fackel

 

haucht sie aus.

Dem Tanz folgte die grosse Ruhe der sich dämmergrau überziehenden Glut. Von Zeit zu Zeit knisterte eine letzte Verkohlung. Es war, als gebe es im Atelier nur noch dieses Knistern, als hätte eine neue Zeitrechnung begonnen.

 

In der Wahrnehmung dieses erstaunlichen Geschehens, das alles, was es nicht selbst war, in vollkommene Stille verwandelte, lag die Erfahrung des Augenblicks einer inneren Landschaft.

 

Als der Schreitende aus seiner Versunkenheit erwachte, traf ihn der Blick der Tantrikerin, der sich mit dem seinen kreuzte oder waren es die Blicke der AELO - Blue Woman? Ihre Blicke begegneten sich und waren ganz der Gegenwart zugewandt. Darin erkannte er sein Spiegelbild. Ein Kind hatte die Mutter gefragt: Warum werden in einem Spiegel rechts und links vertauscht? Darauf antwortete die Mutter: Weil dein Abbild im Spiegel sich von innen nach aussen kehrt, wie in einer Maske, sodass das rechte Auge zum linken wird. Die Rückseite des Spiegels, das heisst dich selbst, kannst du so wiedererkennen und durchschauen.

Er erschrak und stotterte: “Wo war ich? tot? und lebe?“ Nach einer kurzen Pause hörte er seine

eigene Stimme: “Ist ja doch kein Leben, das ich lebe…“ 

der Schreitende

ll

Das Engadin wurde bei Tag und bei Nacht von touristischen Grundwellen überflutet.

Der Schreitende verliess fluchtartig dieses zur Hotellandschaft verkommene Hochtal. Er befürchtete, durch eine immer mächtiger umsichgreifende und tratschsüchtige Touristik eingenommen zu werden. Sils mit seinen Seen, Arven und Lärchen lag in seinen Gedanken - nicht in topographischen Distanzen - in weiter Ferne, und es fiel ihm schwer zu glauben, dass erst wenige Wochen vergangen sein sollten seit er den Ausstellungsräumen des Hotels Waldhaus entwichen war. Als er auf einer Bank von seinem Mittagsschläfchen aufwachte, war es fast Abend und die Dämmerung senkte sich über das hochgelegene Dorf Soglio. Dorthinauf hatten ihn seine weiten Schritte zunächst über die Abkürzungen des Maloja-Passes hinunter und hernach durch Casaccia zum steilen Pfad im Schatten der Kastanienwälder getragen. Während der nächsten Stunde bummelte er durch das Dorf zum Palazzo Salis und versuchte, die Gedanken zu ordnen. In Sils nämlich hatte er vom Bildhauer Giordano Bondasca in Soglio vernommen, dass dieser ihn zu begegnen wünschte - so wenigstens wurde ihm durch die seltsame AELO berichtet. Das war nicht selbstverständlich. Im Gegenteil, als selbstverständlich hatte es der Schreitende in Sils gehalten, dass die Wahrnehmungen der anderen ihn verfehlten. Wie von unsichtbarer Hand angetrieben entschloss er sich, das Atelier Giordanos zu besuchen, denn es ergab sich einen Sinn, dass er in dieses Atelier gehen musste. Einen Sinn freilich, den er noch nicht in Worte zu fassen vermochte. Immer wieder hatte er gegen das Gefühl anzukämpfen, dass er dabei war, sich zu entgleiten.

 

Giordano Bondasca wohnte in einem alten Haus am Dorfende in Richtung Vicosoprano. Die ursprünglich angebaute Scheune hatte er zu einem geräumigen Atelier umgestaltet. Klingel gab es keine. Auf sein Pochen mit dem abgegriffenen Türklopfer hin, erschien in der knarrenden Türe der weisshaarige Mann, eine Pfeife zwischen gelben Zähnen und streckte ihm die Hand freundschaftlich entgegen als hätte er ihn erwartet. Ohne zu fragen, wer er sei, hiess er den Schreitenden eintreten. Es roch nach verglühendem Holz und Pfeifentabak.

Die Decke über dieses Atelier war durch eine Dachluke direkt zum Himmel hin geöffnet. Diese zentrale Öffnung entsprach dem Grundriss. An den Innen- wänden war eine Bank angebracht, auf die man sich bequem zwischen den herumstehenden Gipsabgüssen, Skizzenblättern und Staffeleien niedersetzen konnte. Sass man an beliebiger Stelle auf der Bank, bot sich ein Blick auf den Himmel, gerahmt durch die Öffnung in der Decke. Giordano konnte sie gegen Regen und Kälte schliessen. Blieb sie offen und wenn darunter auf dem Kamin ein Feuer brannte, drangen keine Kälte und keine Feuchtigkeit in den Raum. Unter dieser Öffnung stand das Thymaterion, eine etruskische Schale aus Bronze, die von einem dreifüssigen Gestell aus Schmiedeisen gehalten wurde. Oberhalb jedes Fusses waren kunstvoll geschmiedete Sternzeichen angebracht. Diese so kostbare wie elegante Schale stammte aus Aus- grabungen bei Tuscania. Darin verglimmte schwarzrote Glut. Sobald bei brütender Hitze an den mediterranen Küsten die als Schüler und - seltener - als Schülerinnen bezeichneten Künstler mit ihren Freundeskreisen zu ihm in die frische Luft flüchteten, veranlasste Giordano ein "Ritual" - so nannte er diese Begegnungen junger Besucher. In kühlen Sommernächten traf man sich vor dieser Schale. Giordano erklärte die dreifache Feuermetapher: Das Feuer der aufkeimenden Begierden, die das grüne Holz ergreift, wird zur subtilen Flamme. Sie erhebt sich und steigt pyramidenförmig empor. Fällt ein Funke der Erkenntnis darin, so weicht der Rauch der blinden Leidenschaften dem Bewusstsein sinnvoller Lüste. Jetzt wird es heller, und die gereinigte Gesinnung weitet sich aus zur Betrachtung der Weite. Nichts bleibt zurück, ausser der ruhenden Glut.

 

Während unter dem Sternenhimmel der Kegel aus Mondlicht durch die Dachluke schien und den Wänden entlang wanderte, belebten Fragen zu den Drehungen der Sterne und zu den Kreisbahnen der Planeten die Runde. Heiteres Befragen und unterdrücktes Lachen unterbrachen Giordanos kosmische Konstruktionen, wenn diese den Erdboden zu verlieren schienen. Giordano erzählte, wie er über die Unendlichkeit des Alls geforscht habe. Das meiste Wissen habe er sich jedoch bei der Tantrikerin in Noli geholt. Sie soll ausführlich erläutert haben, wie die beseelte, schaffende Natur endlos fruchtbar sei und in immer neuer Folge eine Vielzahl von Welten hervorbringe, darunter unsere Welt, die von der Weltseele, durchatmet werde. Im Kreis der Besucher erkannte der Schreitende überrascht die still dasitzende AELO - Blue Woman aus Sils. Sie sah ihn nicht an oder verhielt sich so, als würde sie ihn nicht sehen.

 

Die Tantrikerin wohnte zu dieser Jahreszeit bei Giordano. Als der Schreitende sie erblickte, erschrak er vor dieser grossen, ganz in Schwarz gekleideten Frau, die einer archaischen Sage zu entstammen schien. Das bleiche, hagere Gesicht wurde von einem blauen Kopftuch umrahmt, das sie mit einer Hand unter dem Kinn zusammenhielt. Aus tief liegenden Augen musterte sie die auffallende und ausgemergelte Gestalt des Schreitenden.

 

Giordano nahm eine angebrannte Maroni-Kastanie aus der etruskischen Schale und hielt sie mit Daumen und Zeigefinger gegen den an der Wand hängenden gebrochenen Spiegel, der ihre Glut tausendfach in die Raumgewölbe zurückwarf. "Willst du dieses Spiel berühren, wirst auch du zur flammenden Glut" flüsterte er wiederholt in die Runde.

 

Im Lichte des flackernden Feuers näherten sich die Körper und wärmten sich unter dem durch die geöffnete Dachluke eindringenden Sternhimmel, der den Raum zu füllen schien. Die körperliche Nähe der jungen Leute übernahm die Glut aus der etruskischen Schale. Sie erschauerten an der während ihrer Gespräche aufkommenden Lust. Somnambule Drehungen der Schatten auf den vom lohenden Kaminfeuer angestrahlten Mauern wiedergaben den schweigenden Vollzug des eingeläuteten Rituals. Das Gesicht der Tantrikerin schien erleuchtet von etwas, das ihr entgegensah. Die Körper standen auf, suchten und fanden

sich, verneigten sich gegenseitig in einer Begrüssungszeremonie, berührten sich nach geheimen Worten. Die Schatten reger Finger wanderten riesengross auf der Wand im Spiel von Silhouetten. Tentakel rauschhafter Fangarme schlossen sich über Körper, die im Sinnestaumel wie schlangenhafte Arabesken sich wanden. Die kreisförmigen Bewegungen mündeten in nächtliche Stillen.

 

Um Mitternacht erhob sich ferner Gesang als einziger Laut im Dickicht der Schatten. Die Tantrikerin sang die schwebenden Gesänge des Tantra und ergänzte sie mit ihren eigenen und mit fremden, unbekannten Eingebungen. Während des Gesanges begann ihr Tanz zur Befreiung der Illusionen, die höchste Gabe der dunklen Kali.